Um das transformative Potential der Werte für die Praxis von Entscheidern und Entscheiderinnen zu erschließen ist es nötig unser gewohntes Wertbewusstsein zu reflektieren und neu zu ordnen. Auf der einen Seite besteht es aus einem Konglomerat von vermeintlichen Sicherheiten und Erwartungen, Ansprüchen, Gewohnheiten, Vorurteilen und Tabus. Kulturelle Normen, unwillkürlich ablaufende Denkmuster, moralische Hemmschwellen und populäre Halbwahrheiten vervollständigen das Bild dieser Seite. Auf der anderen Seite aber enthält dieses Bewusstsein von Werten so große überzeitliche Ideen wie Freiheit, Schönheit und Wahrheit. Sie beflügeln uns. Sie feuern uns an die Grenzen von Zeit und Raum zu erweitern. Und nur allzu gerne sind wir bereit, für sie unsere Bodenhaftung aufzugeben.

In unserem Umgang mit Werten überlagern sich bremsende und motivierende Handlungsmuster. Beide Muster sind im Zentrum unserer kulturellen Geschichte verankert. Diese gegenläufige Tendenz, moralisch hemmender und begeisternd anspornender Aspekte, bestimmt nicht das einzige Spannungsfeld in der Welt der Werte. Der westliche Wertekanon besteht im Kern aus dualistischen Strukturen: Der ewige Widerspruch von Gut und Böse umreißt den moralischen Bereich. Der Unterschied von Anspruch und Wirklichkeit enthält ein stark dynamisches Moment. Das Verhältnis von Teil und Ganzem wirft die Frage nach den Systemgrenzen und deren Kontext auf. Und nicht zuletzt konfrontieren uns Wertehierarchien mit der vertikalen Werteschichtung von oben/unten.

Das Verhältnis, in dem diese Widersprüche miteinander stehen, ergibt für jedes Unternehmen einen spezifischen kulturellen Code. Wer diesen spezifischen Wertecode einer Firma kennt, kann bewusst mit ihm arbeiten. Er bietet die Möglichkeit die innere Logik einer Organisation zu entfalten. Er bietet die wirkungs- und machtvollsten Hebel für eine substanzielle Veränderung.

Diese, philosophisch gesagt – dialektische – Verfassung der Werte prädestiniert sie dazu Konflikte und Veränderung abzubilden. Wir sind nicht dazu verdammt bei reinen Dualismen stehenzubleiben. Das transformative Potential, das sie für die Praxis bereithalten, ist bis heute auch nicht ansatzweise erschlossen. Nietzsche, der Vordenker und Poet, vermittelt mit seinem Megaprojekt der Umwertung der Werte eine Ahnung von der existentiellen Tragweite unserer Beziehung zu den Werten.